Freitag, 28. April 2017

Auf die Probe gestellt. Oper als fotografische Herausforderung


Ich begleite die Proben zu La Traviata, der Oper im Audimax mit meiner Kamera. Ich bin oft dabei und halte viele Szenen fest.

Ich dachte nicht, dass es ein so großes Glück sein könne, von Anfang an die Aufführung zu begleiten. Ich dachte nicht, dass ich darin so aufgehen würde. Ich dachte nicht, dass es mich derart fesseln würde.


Ich hatte nämlich überhaupt nicht damit gerechnet, dass diese intensive Zeit, die vielen unterschiedlichen Proben und Ausschnitte mit und ohne Kostüm mir eine so reichhaltige Möglichkeit bieten würden, mein fotografisches Talent weiter zu entwickeln. Die Betrachter meiner Fotos sehen ja nur die Ergebnisse. Den Hintergrund, wie ein Fotograf denkt und beurteilt, kennen sie ja nicht.

Dieser Text soll ein wenig beschreiben, wie es einem Fotografen so ergeht, wenn er mitten in eine ihm fremde Welt geworfen wird.

Nun ganz fremd ist mir die Musik nicht. Als Student der Kunstgeschichte und Germanistik hatte ich in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts schon viel klassische Musik gehört, war auf vielen Konzerten, hatte sogar angefangen Geige zu spielen, es dann aber aufgrund fehlenden Talents leider wieder aufgegeben. Zumindest hörte ich Verdi-, Mozart- und sogar Wagneropern mit Enthusiasmus. Mit Beruf, Kindern und vielen anderen Dingen vernachlässigte ich diese Leidenschaft. Auch lag meine künsterlerische Kreativität brach, die ich erst vor etwa drei Jahren mit der Fotografie wiederentdeckte.



Umso begeisterter war ich, als Lara Venghaus mich fragte, ob ich das Opernprojekt des Universitätsorchesters fotografisch begleiten und von Anfang an dokumentieren wolle. Zwar war mir das Ganze aufgrund der vielen Probentermine nicht ganz geheuer - würde ich denn nicht immer die gleiche Art von Fotos schießen, dachte ich mir - aber es kam ganz anders. Ich verließ mich ganz auf meine Intuition und einen entscheidenden Faktor, meine Freiheit.

Lara Venghaus ließ mir vollkommene Freiheit, was meine Ergebnisse betraf. So stand ich unter keinem kommerziellen Druck, musste nichts marketingtaugliches abliefern, hatte keine Erwartungen zu erfüllen. Ich konnte mich selber “auf die Probe” stellen, konnte mir die Freiheit des Herzens, meines fotografischen Herzens nehmen und wie ein Wahrnehmungsjäger im Revier der musikalischen Kunst wildern.

Das Gefühl war tatsächlich das eines behutsamen Beobachters, der sein “Wild” nicht aufscheuchen wollte, der vorsichtig durch die Reihen der Probenden schlich, die mich wohlwollend zur Kenntnis nahmen. Ich dagegen war ganz Auge, war auf der Suche nach besonderen Momenten, Motiven und Gruppen- sowie Einzelporträts. Muss man sich als Fotograf sonst um MakeUp, Beleuchtung und die Kommunikation mit den Models kümmern, ließ ich mich jetzt fast schon fallen. Damit öffneten sich mir die Poren der Kreativität. Ich verließ mich ganz auf meine Art der Wahrnehmung. Ich würde es den “fotografischen Blick” nennen, eine Freundin nennt es den “liebevollen Blick”.

Eine mich begleitende liebe Freundin fragte wiederrum, hast Du diesen tollen Gesang gehört? Ich hatte nichts mitbekommen. Ich war ganz AUGE. Ich war nur LINSE. Ich war konzentriert im richtigen Moment abzudrücken. Die Sänger, die Orchestermitglieder, der Spielleiter und die Tänzerinnen sowie der Dirigent probten nur für mich. Es war herrlich, ich konnte ganz Fotograf sein, ohne Rücksicht auf Verluste. In dieser Situation ließ ich vieles hinter mir, was mich in den letzten Jahren bedrückt hatte. Hier war ich ich, hier konnte ich sein.

Und dann hörte ich die Töne, sah die Kleider, sah lächelnde Gesichter von denen, die meine Ergebnisse gesehen hatten. Ich fühlte mich als Teil des Ganzen. Stand mitten in Verdis Welt. Oder auch in Laras und Johanns Welt. Und in der Welt der ganzen anderen.

Zuhause hatte ich die nächste Gelegenheit meiner Freiheit genüge zu tun. Das Abdrücken war das Eine. Dann aber erst entwickelte ich das Ganze, beschnitt, korrigierte, setzte Lichter und verwandelte in Schwarz-Weiß. Ich kam dem Ensemble so nah, wie als wären sie meine Seelenverwandten. Zumindest lernte ich sie auf diese Art intensiv kennen und stellte visuelle Nähe her.


Diese Nähe führte zu neuen Ideen für die nächsten Shootings und die weiteren Schritte. Bei jeder Probe entstand eine neue Galerie von Möglichkeiten in mir. Ich wurde immer freier und schickte Lara und Johann im Kostüm und Frack ohne Scheu durch die Unihalle und auf die Stadtbahnbrücke. Sie vertrauten mir, ich vertraute meiner Intuition. Denn das ist es, was ich in mir spüre, eine Intuition für das Richtige. Und diese Intuition ist nicht einfach so da, sie wächst und wächst mit diesem großartigen Projekt. Nur so entwickelt sich meine Bildsprache weiter und prägt sowas wie Stil.

Ich freute mich schon sehr auf die Aufführungen, wo ich mich dann auch mal zurücklehnen und die Musik genießen konnte. Vor dem Audimax waren viele Fotografien zu sehen, eine Ausstellung im Foyer. Ich bin gespannt, was noch kommt. Bis dahin schaue ich einfach weiter hin. Ganz genau. Fotografisch liebevoll eben.


Markus Paulußen Fotografie, 
März 2017



www.markus-paulussen.de

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